Brief an Orestes

Brief an Orestes von Jakovos Kambanellis aus dem Griechischen Dimitris Depountis; deutschsprachige Erstaufführung

Klyemenstra erzählt die Handlung der Orestie aus ihrer Sicht

Der Monolog „Brief an Orestes“ des wohl wichtigsten Dramatikers der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts in Griechenland, Jakovos Kambanellis, lässt eine der geächtesten Frauen der Antike zu Wort kommen. Das Einfrau-Stück „Brief an Orestes“ greift die Themen der „Orestie“, der griechischen Tragödie des Dichters Aischylos auf und schildert die Hergänge aus der Sicht Klytemnestras , die ihre Ehemann und Kriegsherren Agamemmnon umbrachte, nachdem er aus dem trojanischen Krieg zurück kehrte. Sie fürchtet die Rache ihrer Kinder Elektra und Orestes. Klytemnestra weiss, dass ihr ein gewaltsames Ende bevorsteht. Nicht die Angst, dass sie umgebracht wird, oder die Verteidigung ihrer Tat sind der Grund, ihrem Sohn zu schreiben. Sie bringt den Mut auf, Orestes die Hintergründe ihres Lebens und ihrer Tat zu erzählen, denn nicht darüber zu sprechen, würde bedeuten ihm „ein Schweigen zu vererben dass alles Unheil in sich birgt.“ Sie erzählt aus ihrem Leben, von der Unterdrückung und Gewalt die sie erfahren hat, von der Opferung ihrer zweiten Tochter Iphigenie, der brutalen Zeugung Orestes, Sie zeichnet Agamemnon als cholerischen Ehemann, lieblosen Vater und selbstherrlichen Kriegsherrn. Sie erzählt von ihrer Selbstverachtung, aber auch von der Liebe und ihrem Weg zu sich, als Frau die ihr Schicksal in die eigenen Hände nimmt. Sie ringt um Ehrlichkeit, denn sie begreift, dass Selbstachtung nur durch Wahrheit möglich ist. Klytemnestra erzählt die Handlung aus ihrer Sicht. Ihr Brief an ihren Sohn richtet sie als frei gesprochener Text an das Publikum
Wir begegnen der Frau aus der Mythologie und zugleich einer tragischen, lebensvollen Frau von heute, die Verantwortung für ihre Tat und ebenso für die schwierigen Seiten ihres Lebens trägt. Ein Monolog der zeitlos gegen alle Tendenzen des Verschweigens gerichtet ist. 

Der Autor Jakovos Kambanellis (geboren 1922 – gestorben 2011 ) war der wichtigste Dramatiker des modernen Griechenlands. Nachdem er 1945 aus 2 einhalbjähriger deutscher KZ-Haft in Mauthausen nach Griechenland zurückkehrte, entdeckte er seine Begeisterung für das Theater.  Mit der ersten Aufführung von „ein Hof voller Wunder“ 1957 legte J.Kambanellis den Grundstein für den Neubeginn des griechischen Theaters und hat damit Generationen von Dramatikern geprägt. In der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts schrieb er mehr als 30 Stücke für Bühne und  Film, die grosse Erfolge feierten. Viele seiner Lieder wurden vertont (Miki Theodorakis), seine Theaterstücke und sein Buch (Mauthausen)  in über 10 Sprachen übersetzt.

Kambanellis: „Ich weiss nicht, ob ich der wäre, der ich nun bin, wenn ich nicht diese unschätzbare Erfahrung in der Hölle gehabt hätte … Antriebsfeder zum Schreiben war die Beziehung zu Mauthausen – ohne Mauthausen, hätte ich die Kraft des Theaters nicht entdecken können. Das Theater enthüllte mich und ich entdeckte es.“

Cast

Regie Axel Nitz

Übersetzung aus dem Griechischen von Dimitris Depountis

Licht Cornelius Hunziker; Brigitte Fässler Ausstattung; Kostüm Monika Gröner-Vogt

Notizen des Autors

Oft erhellen Erfahrungen und Wissen aus der Welt des Theaters Beobachtungen, Situationen und Konflikte, die man selbst erlebt hat und die einen in Zweifel gestürzt haben, und bieten Erklärungs- und Lösungsmöglichkeiten. Das Verhältnis zu den Theaterfiguren besteht nicht aus Worten, sondern wird zu einer menschlichen Beziehung. Zudem bildet diese lebendige, immer wieder erneuerte Beziehung den Beweis ihrer ewigen Gültigkeit. Das ist auch der Grund, dass der Einsatz von Situationen und Figuren den tragischen Mythen entnommen wurden, dem/der Zuschauer*in, das Heute, das man zum Ausdruck bringen möchte, unmittelbar klar und vertraut erscheinen lässt… Der Monolog ‘Brief an Orestes’ reifte viele Jahre in mir. 

Jakovos Kambanellis und A.Jendreyko bei der Aufführung in Athen

Rezensionen

„Jendreyko verzichtet auf die pathetische Attitüde; ihre Klytaimnestra ist eine kompromisslose Frau, die keine Verzweiflung benötigt, um die Wahrheit offenzulegen, sondern Mut und geradezu schockierenden Realitätssinn. Die Regie unterstützt die nach innen gewendete dramaturgische Anlage, verlangt weder grosse Gebärde noch aufbrausendes Temperament – was sie erleben lässt, ist nicht der Prozess der Leidenschaft, sondern deren Resultat, die Wahrheit: ‚Es brauchte lange, bis ich begriff, wie schrecklich falsch es war, die Wahrheit zu verschweigen. (…) Wir glauben, dass sie und in Ruhe lässt, wenn wir sie in Ruhe lassen.’ Dies gilt auch für die Darstellung dieses Vorganges –der kurze, konzentrierte Theaterabend lässt einen keine Sekunde lang in Ruhe“.

(BAZ, David Wohnlich, 25.02.08)


Klytämnestra zeitlos
Anina Jendreyko verkörpert die antike Frauenfigur in der Fronte Beckers beim Kultursommer Germersheim

Das Einfrau-Stück „Brief an Orestes“ von Jakovos Kambanellis, das am Mittwoch beim Kultursommer Germersheim zu sehen war, greift die Themen der „Orestie“, der griechischen Tragödie des Dichters Aischylos auf und schildert die Hergänge aus der Sicht der Frau, die zur Mörderin an ihrem Ehemann wurde.

Klytämnestra ist in der griechischen Mythologie Tochter des Spartanerkönigs Tyanderos und der Leda, Gemahlin Agamemnons, des Königs von Mykene, Schwester der schönen Helena und Mutter von Elektra, Iphigenie, Orestes und Chrysothemis. Klytemnästra hasst ihren Mann und tötet ihn nach seiner Rückkehr aus dem Krieg mit Troja. Aber um das gezeigte Stück zu verstehen, muss man kein Kenner der griechischen Mythologie sein.

Die Basler Schauspielerin Anina Jendreyko alias Klytemnästra erzählt die Handlung aus ihrer Sicht, eine Geschichte von Leid, Selbstverachtung, Unterdrückung und Gewalt, Sie zeichnet Agamemnon als cholerischen Ehemann, lieblosen Vater und selbstherrlichen Kriegsherrn. Ihr Brief an ihren Sohn Orestes richtet sich als frei gesprochener Text an das Publikum.

Das Publikum ist quasi Orestes. Wir waren Orestes. Jendreykos Schilderungen erfolgen so echt, sie spielt in einem so persönlichen Stil und so unmittelbar, als wäre sie eine nahestehende Person, die einem ihre intimsten Gedanken anvertraut.

Es entsteht keinerlei Distanz durch die scheinbar trennenden Jahrhunderte. Jendreykos Klytämnestra ist natürlich ein Kind ihrer Epoche, aber in ihrer Ehrlichkeit, ihrem Ringen um Selbstachtung und den Bemühungen einer reiferen Frau, den Hergang ihres Lebens im Rückblick zu begreifen, trennt sie nichts von der Frau von heute. Sie übernimmt die Verantwortung für ihr Leben und steht für ihre Sache ein.

Die Brücke von der Gegenwart in die Antike wird auch mit visuellen Mitteln geschlagen. So steht Jendreyko in moderner lilafarbener Strickjacke über der schwarzen Tunika vor uns, während sie uns die Etappen ihres Lebens nachvollziehen und an ihren Gefühlen teilhaben lässt, die von Trauer, Wut und mütterlicher Hingabe geprägt sind.

„Es wurde zwar keiner von uns als Monster geboren, dennoch sind wir zu monströsen Taten bereit“ lässt der Autor Jakovos Kambanellis seine Figur sagen und enthüllt somit an dieser und anderen Textstellen eine selbstbewusste Frau und die Aktualität seines Stoffes.

Bei einer ihrer Begegnungen im Jahre 2007 überredete Jendreyko den heute 88-Jährigen zur Übersetzung des Monologes. „Es ist ein erstaunlich weiblicher Text“, sagt die Schauspielerin, „ohne dass er sich anbiedert.“

Kambanellis lebt in Athen und zählt zu den wichtigen Dramatikern des modernen Griechenlands. Nachdem er 1945 aus zweieinhalbjäjriger KZ-Haft in Mauthausen nach Griechenland zurückkehrte, entdeckte er seine Begeisterung für das Theater und betrachtet rückblickend ≥die unschätzbare Erfahrung in der Hölle“ als „Antriebsfeder zum Schreiben“. Auf Deutsch kennt man bisher fast nur seine Texte zur „Mauthausen-Kantate“ mit einer Vertonung von Theodorakis, in Griechenland schrieb er über 30 Stücke u.a.  „der grosse Zirkus“, den Film „ Stella“  und viele mehr. (cmj Karlsruher Zeitung 25.6.2010) 

(cmj KARLSRUHER ZEITUNG 25.7.2011)