SHENGAL- DIE KRAFT DER FRAUEN

Theaterstück über die Selbstermächtigung der êzidischen Frauen

Es ist ein Theaterabend, der weit über sich hinausweist. Und heftig nachhallt, im Schrecken wie in seiner Überwindung. «Shengal – die Kraft der Frauen» setzt sich mit dem Genozid am kleinen Volk der ÊzidInnen auseinander und zeigt, wie im Widerstand und im Wiederaufbau neue Strukturen entstehen, die entscheidend von Frauen geprägt werden. Nichts in diesem Dokumentartheater ist erfunden, aber alles ist gestaltet. Der Schrecken ist nur auszuhalten, weil er eine Form bekommt. Das ist eine der zentralen Aufgaben von Kunst…….Noch selten ist man aus einem thematisch so bedrückenden Abend auch so hoffnungsvoll herausgekommen.

Zitat der Rezension von Alfred Schlienger WOZ 19/13.05.21

Premiere 15. Oktober 2020 – – Wiederaufnahme im Mai 2021 weitere Gastspiele folgen u.a. 2. Hälfte November 2021 in Zürich

In «Shengal – die Kraft der Frauen“ erzählen Frauen und Männer aus dem Shengal-Gebiet (das letzte noch bestehende Siedlungsgebiet der êzidischen Bevölkerung), wie sie nach der Befreiung vom sogenannten islamischen Staat beginnen, auf den Ruinen des Krieges ein neues Gesellschaftsmodell aufzubauen. Kein einfaches Unternehmen, aber eines, das grossen Mut und Hoffnung macht.
 «Ohne Widerstand zu leisten, wären viele von uns, die den Genozid erlebten, verrückt geworden. Später wurden wir immer wieder gefragt, ob wir Rache nehmen wollen. Das machen wir nicht. Andere Menschen anzugreifen, ist bei uns Sünde. Wenn jemand einen Fehler macht, hast du doch nicht das Recht ihn zu töten. Der Mensch kann sich verändern, daran glaube ich. Ich glaube an ein friedliches Zusammenleben der unterschiedlichen Menschen und Religionen.» Dijwar, Shengal 2109)

Matthias Wäckerlin
Foto Matthias Wäckerlin

Die Regisseurin Anina Jendreyko ist mit ihrem Team in den letzten Jahren mehrmals in den Shengal gereist, hat Material gesammelt und sich in eine enge Zusammenarbeit mit ezidischen Frauen begeben. Sie beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Ereignissen in den kurdischen Gebieten (Türkei, Iran, Irak, Syrien), arbeitete und lebte auch dort. Unterstützt wird sie von den kurdischen Musiker*innen, die den Dengbesh (Lieder) aus dem Shengal zu uns bringen, und die, wie das ganze Ensemble, eine eigene biografische Verbindung zu der Region haben.

Als im August 2014 der IS den Shengal überfällt, mit dem Ziel die êzidische Bevölkerung auszulöschen, ziehen sich die Peschmerga (Armee der südkurdischen Regierung KDP) und der irakische Staat zurück und überlassen die Ezid*innen ihrem Schicksal. Kämpfer*innen der kurdischen Befreiungsbewegung gelingt es, einen Korridor durch das vom IS besetzte Gebiet frei zu kämpfen und den drohenden Völkermord zu verhindern: Durch diesen Korridor können an die 150’000 êzidische Frauen, Männer und Kinder flüchten.
Die Rettung löste innerhalb der êzidischen Bevölkerung einen intensiven innergesellschaftlichen Diskurs aus. Die bis dahin nach innen orientierte und patriarchal strukturierte Gesellschaft befindet sich seitdem in einer tiefgreifenden Veränderung. Im Mittelpunkt stehen die êzidischen Frauen. Sie sind der Motor des gesellschaftspolitischen Aufbruchs.

Die Inszenierung spiegelt ein zeitgeschichtliches Zeugnis eines Aufbruchs wider, der weit über den Shengal hinaus reicht. Durch die künstlerische Arbeit des Ineinander Flechtens der Live Musik der ëzidisch-kurdischen Musiker*innen, der im Shengal gedrehten Video- und Tonaufnahmen, sowie des Textes und Spiels der Schauspieler*innen löst sich die objektive Distanz auf und schafft eine subjektive Verbindung zwischen vermeintlich fremden Welten.  Mit Carmen Dalfogo, Ivan Anderson, Esra Ugurlu, Ferhad Feqî Musik Süleyman Carnewa, Susin Sewsen, Metin Yilmaz Konzept, Text & Regie Anina Jendreyko Video & Konzeptmitarbeit Georg Faulhaber Mitarbeit (Vertreterin des Dachverband des êzidischen Frauenrates e.V Songül Talay Bühne und Kostüm Martina Ehleiter Regieassistenz Petra Rotar Hospitanz Zeynep Yasar Technik/Licht Michel Jann, Inigo Mendieta Produktionsleitung Pascal Moor Grafik Thomas Dillier

Trailer der Theateraufführung

Eine Koproduktion mit der Druckereihalle, Ackermannshof in Zusammenarbeit mit dem Dachverband des êzidischen Frauenrates e.V
Mit der Unterstützung von Fachausschuss Tanz und Theater BS/BL
Stanley Thomas Johnson Stiftung, Landis & Gyr Stiftung, Wilhelm und Ida Hertner-Strasser Stiftung, Medica Mondiale, Schweizerische Interpretenstiftung

Die Kraft der Frauen (Volksbühne Basel)

Rezensionen

Artikel zu der Aufführung im Infosperber vom 24. November 2020 https://www.infosperber.ch/Artikel/Gesellschaft/kontertext-Shengal–Die-Kraft-der-Frauen


 Stimmen zur Aufführung

Shengal – the power of women –  est un voyage poignant dans les souffrances, les résistances, et la transformation d’un peuple, d’une communauté. A travers des voix, de la musique, des témoignages, des portraits, le public est transporté dans leur histoire – si proche –  qui interpelle chacun de nous. Une pièce qui marque par sa grande finesse d’interprétation, sa force esthétique, son authenticité,  un appel puissant à la résistance, à un engagement social et politique  face à la violence. Une nouvelle prise de pouvoir. La voix donnée à ces femmes exceptionnelles, aux hommes aussi, dans cette transformation. On en ressort pas indemne. Magnifique !

Shengal – die Macht der Frauen ist eine ergreifende Reise durch das Leiden, den Widerstand und die Transformation eines Volkes, einer Gemeinschaft. Durch Stimmen, Musik, Zeugenaussagen, Porträts wird das Publikum in seine Geschichte – so nah – transportiert, die jeden von uns herausfordert. Ein Werk, das durch seine große Finesse der Interpretation, seine ästhetische Stärke, seine Authentizität, einen kraftvollen Aufruf zum Widerstand, zu einem sozialen und politischen Engagement angesichts der Gewalt kennzeichnet. Eine neue Übernahme. Die Stimme, die diesen außergewöhnlichen Frauen, auch den Männern, bei diesem Wandel gegeben wird. Wir kommen nicht ungeschoren davon. Großartig!

Lisa Magnollary stellvertretende Leiterin für Mittleren-Osten und Nordafrika DEZA (Department Entwicklung und Zusammenarbeit)

Das Stück ist eine Zeitreise, zurück in das Jahr 2014, als der IS den Shengal überfällt und mit einer enormen Brutalität die ezidische Bevölkerung vertreibt und auszulöschen versucht.  Eine Zeitreise, die aber nicht im Jahr 2014 aufhört und einzig den Genozid/Feminizid im Fokus hat. Die Reise führt uns weiter in die Zeit der Befreiung der ezidischen Menschen. Deutlich zeigt uns das Stück auf, dass die Befreiung nur dank der kurdischen Freiheitskämpfer*innen der YPJ möglich war. Diese haben mit unglaublichem Mut und in Solidarität mit den Vertriebenen einen Korridor freigekämpft und einer Vielzahl von Ezid*innen die Flucht ermöglicht. Die Zeitreise endet schliesslich in der Zeit, als Teile der ezidischen Bevölkerung zurück in den Shengal gingen, und dort v.a. angetrieben durch die ezidischen Frauen* eine neue freiere und gerechtere Gesellschaft aufbauten und das noch immer tun. 

Das Stück hat immer die Selbstermächtigung im Fokus und distanziert sich von der Opferperspektive. Es verbindet zudem die individuelle Ebene mit der strukturellen Ebene. So wird zum Beispiel die sexualisierte Gewalt enttabuisiert, indem den Überlebenden sorgfältig und würdevoll eine Stimme gegeben wird, ein Gesicht, einen Namen. Gleichzeitig werden die Ursachen benannt, die in einer patriarchalen Gesellschaft zu sexualisierten Gewalt führen.

Das Stück versucht auch das Narrativ zu ändern: Während wir im europäischen Kontext mit dem Phänomen der Entmenschlichung von Geflüchteten konfrontiert sind, lernen wir durch das Stück andere Geschichten kennen: Z.B. die der Freiheitskämpfer*innen der YPJ für die die Menschlichkeit im Vordergrund der Befreiung stand. 

Der Inhalt des Stücks wird getragen durch die ausdrucksstarken Bilder aus dem Shengal, durch die Audios von ezidischen und kurdischen Menschen vor Ort und durch die kraftvolle, berührende Musik. 

Am Ende des Stücks bleibt ein Gefühl der Kraft und Inspiration zurück – Alternativen gibt es, die Erzählungen darüber hingegen fehlen. Umso wichtiger ist es, dass das Stück weiter aufgeführt wird. 

Wir sind stolz, dass wir das Stück unterstützen durften, wünschen uns aber, dass es weitergeht und auch in weiteren Schweizer Städten gezeigt wird. Damit den Ezid*innen eine Stimme gegeben wird und die Öffentlichkeit sensibilisiert und aufgeklärt wird. 

Lucia Tozzi – Geschäftsführerin Medica Mondiale Foundation Switzerland 

Ein intensiver, berührender Theaterabend. Anhand des dramaturgischen Bogens –  der zentralen Befreiung der Ezid*innen durch die kurdische Freiheitskämpferinnen und Kämpfer entsteht ein Sog, der einen tiefer in das Leben und Kämpfen der Frauen beider Völker eintauchen lässt. Ein dokumentarisches Theater, das über die ganze Zeit eine klare Haltung einnimmt ohne je platt zu wirken. Für mich war der Höhepunkt der unendliche, magische Kameraschwenk über die Landschaft bis zum ezidischen Dorf und seinen Einwohnerinnen und Einwohner. Schon lange habe ich nicht mehr einen so bewegenden Theaterabend erlebt.  – Christian Labhart, Filmemacher Wetzikon

Foto: Matthias Wäckerlin
Foto: Matthias Wäckerlin
Die Kraft der Frauen/Volksbühne Basel